Kreis

Ein spiritueller Umgang mit Herausforderungen – Teil I

*Es sei an dieser Stelle gesagt, dass dieser Artikel nicht von der Pandemie oder ihren Hintergründen handelt, sondern ausschließlich eine Momentaufnahme ist, um sich dem, was uns im Inneren bewegt, zu nähern. 

Seit über einem Jahr begleitet uns die Umstrukturierung unseres gewohnten Lebens mitsamt aller Folgen und Auswirkungen. Unsicherheit macht sich auf globaler Ebene breit. Denn die Orientierung im Außen schwindet und so wird die Frage nach einer kraftspendenden Ausrichtung im Inneren immer größer. Woran halten wir uns, wenn es im Außen und Inneren zu Spannungen kommt? Wohin richten wir unseren Blick und was gibt uns in ungewissen Zeiten Zuversicht und Kraft?

Fakt ist, dass die momentane Situation uns alle vor Fragen stellt. Fragen, die wir uns in dieser Intensität zuvor nicht gestellt haben. Es sind Fragen, die den Beruf und die Berufung, die finanzielle Lage, die soziale Rolle, emotionale Beziehungen, Gesundheit, den eigenen Lebensstil, das Verhältnis zu anderen und der Gesellschaft, das Zusammenspiel von Glauben und Vertrauen betreffen. Eine neue Art der Herausforderung ist geboren.

Die erste Frage lautet: Was genau ist eine Herausforderung?

Folgen wir der Definition des Wortes, stehen wir vor einer Forderung, die uns herauslocken möchte. Vorwiegend verbinden wir mit dem Begriff Herausforderung eine Last. Schon das Wort an sich fühlt sich schwer an. Denn die Forderung zieht uns aus unserer Komfortzone heraus, um etwas Unbekanntes zu erleben. Somit wird schnell deutlich, dass eine Herausforderung für uns die treibende Kraft sein kann, die uns hilft, Altes abzustreifen und zu neuen Ufern zu segeln. Ein solcher Segelflug wird uns sicherlich etwas abverlangen. Es kann währenddessen turbulent zugehen und doch wird dieser Flug von frischem Wind begleitet, der uns nach vorne trägt und Entwicklung ermöglicht. Wir haben die Möglichkeit alte Glaubenssätze und andere nicht mehr gebrauchte Paradigmen, die uns im Weg stehen, über Bord zu werfen und Platz für etwas Neues zu schaffen. Eine Herausforderung ist wie ein Zugwagen, der uns auffordert weiterzugehen und uns aus unserem Schneckenhaus herauszieht, wenn es an der Zeit ist innerlich zu wachsen oder etwas im Leben zu verändern.

Stellen wir uns die Frage nun noch einmal: Was genau ist eine Herausforderung?

Auch wenn wir diese Frage vielleicht nicht bis ins letzte Detail erörtern können, so ist dennoch klar, dass wir eine persönliche Antwort finden werden, wenn wir mutig genug sind hinzuschauen. Es scheint fast ein universelles Gesetz zu sein, dass man nach dem Durchleben einer Herausforderung immer einen großen Schritt weiter ist. Als sei Entwicklung der Schmetterling, der aus der Herausforderungs-Raupe schlüpft.

Wir müssen uns einer Selbstbetrachtung zu unserem persönlichen Umgang mit Schwierigkeiten unterziehen und dabei bereit sein, unseren Gewohnheiten ins Auge zu blicken. Verweigern wir einen offenen Umgang mit einer Herausforderung schon im Inneren oder blenden sie einfach aus, wird die Herausforderung ein anderes Mal an unsere Tür klopfen. Sie wird ein anderes Gewand tragen, vielleicht erkennen wir sie wieder, vielleicht auch nicht. Äußerlich mag sie unterschiedliche Gesichter haben, doch die Lernaufgabe, die sie uns als Geschenk mitbringt, bleibt. Vielleicht ist das der Moment, in dem die heiße Glut des Herausforderungs-Unmutes erlischt. Sehen wir in jeder herausfordernden Situation auch ihr schöpferisches Potential für Entwicklung, dass sie uns als Geschenk mitbringt, verliert sie die Fratze, vor der wir nur allzu oft zurückschrecken.

Die Beschaffenheit der Herausforderung ist unser Wegweiser.

Zeigt sich eine schwierige Situation im Leben, so haben wir die Möglichkeit sie auf die Qualitäten zu untersuchen, auf die sie hinweist. Es sind jene Hinweise, die dienlich sind, um mit der Situation umzugehen. Welche Qualitäten können wir nun in uns aktivieren? Welche Eigenschaften wollen zum Ausdruck gebracht werden? Dabei zeigt uns die Art der Herausforderung ganz genau, worum es geht. Welche Eigenschaften können uns ermutigend weiterbringen? Richten wir unseren Blick nicht auf den Konflikt allein, den eine Herausforderung mit sich tragen mag, sondern schauen wir stattdessen genau hin, was von uns gefordert wird oder was es zu Lernen gibt, können wir die anfänglich unerwünschte Situation in einen nachhaltigen inneren Entwicklungsprozess verwandeln.

Besteht eine Herausforderung beispielsweise aus den an uns zehrenden Erwartungen Anderer, so können wir lernen uns von Abhängigkeiten zu lösen oder uns in offener Kommunikation üben. Das ist nur ein Beispiel von vielen und ist für jeden vielseitig auslegbar. Zwei Personen können vor der gleichen Herausforderung stehen und völlig unterschiedliche Lernaufgaben daraus ziehen.

Wir müssen uns daher stets selbst die Frage stellen, welche Art von Eigenschaft wir brauchen, um konstruktiv und ohne Selbstverletzung mit einer Situation umzugehen. Wobei Selbstverletzung auch schon in den eigenen Gedanken stattfinden kann. Wenn wir unseren Schwierigkeiten ohne Anklage mit einer offenen inneren Haltung begegnen, dann ist das schon weitaus mehr als nur der erste Schritt. Dieser innere Blick ist unser Fundament, auf dem wir bauen können. Dieser innere Blick führt uns vom äußeren zum inneren und vom einseitigen zum ganzheitlichen Betrachten. Er besitzt eine enorme Kraft, obwohl dieser Wechsel des Blickwinkels äußerlich unsichtbar ist. Wir werden die Befreiung, die dadurch eintritt, dennoch deutlich verspüren können. Was wir mit diesem inneren Paradigmenwechsel ins Leben rufen, ist vor allem ein stabiles Fundament. Da es uns eine kostbare innere Einstellung schenkt. Dieser erste innere Schritt ist unglaublich wertvoll und allem voran ist er:

Für jeden zu jeder Zeit umsetzbar.

Die Akzeptanz der Herausforderung.

Der zweite Schritt beschreibt die urteilsfreie Akzeptanz dessen, was ist. Hier geht es nicht darum stumm und unbeweglich zu werden, sondern darum im Inneren für das, was sich zeigt, offen zu bleiben. Wir können es uns eingestehen oder nicht. Doch die Wahrheit ist: Wir alle sind in der Lage, wahrhaftige Akzeptanz für den jetzigen Moment zu entwickeln. Es ist eine innere Angelegenheit, die sich mit jeder Entscheidung festigt. Offenheit bedeutet in diesem Zusammenhang, sich nicht auf eine einzige mögliche Ursache, nicht auf einen möglichen Ausgang einer Situation oder einen anderen Einzelaspekt zu beschränken. Es bedeutet unbefangen von jeglichen Interpretationen zu bleiben. In Demut darüber zu verweilen, dass man nicht alle Zusammenhänge im Leben sofort erkennt. Offenheit wird von Unbefangenheit begleitet und eröffnet uns dadurch einen freien und klaren Blick auf das, was wirklich ist.

Wir fangen bei uns selbst an.

Der globale Zusammenhang, der diese Pandemie und ihre Folgen so groß macht, scheint für das Individuum überwältigend. Auch wenn wir durch unser Bewusstsein mit allem verbunden sind, so müssen wir doch erkennen, dass wir zunächst einmal selbst vor einer inneren Fragestellung stehen. Wir müssen keine globale Lösung finden, wir fangen bei uns selbst an. Welcher Art unsere Herausforderung auch sein mag, die Arbeit fängt stets bei uns selbst an. Stress tritt ein, wenn wir den jetzigen Moment von uns entkoppeln oder uns anderweitig ablenken. Darauf beruht der zweite Schritt, der unsere innere Stärke ausformt. Es ist das Erkennen und Annehmen, dass die Veränderungen und Herausforderungen, die an unsere Tür klopfen, zu uns gehören. Wir können uns dafür entscheiden, die Tür zu öffnen und der Entwicklungsmöglichkeit – ohne Scheu vor Veränderung – ins Auge zu blicken.

In diesem Moment der Akzeptanz öffnet sich ein neues Fenster.

Wir haben immer die Freiheit uns zu entscheiden, wie wir über eine Situation fühlen oder denken wollen. Diese Freiheit wird durch die Akzeptanz einer Situation noch deutlicher spürbar. Das urteilsfreie Annehmen einer Situation bringt uns die nötige Entspannung, um unserer essentiellen Freiheit uneingeschränkt zu begegnen. Diese Freiheit kann uns niemand nehmen. So kann uns selbst eine schwierigen Situation – vorausgesetzt wir nehmen sie als Lehrmeisterin an – zu innerer Unabhängigkeit verhelfen. Denn in Wahrheit zwingt uns keine weltliche Situation ein Gefühl oder ein Gedankenmuster auf. Wir können uns mit unserem freien Willen unabhängig von unserer Ausgangslage dafür entscheiden, in jeder Situation eine Möglichkeit für Weiterentwicklung zu sehen und diese in ihrem puren Sein anzunehmen. Eine solche innere Ausrichtung ebnet uns den Weg, um unser inneres Fundament zu stärken und zu lernen, den Herausforderungen in unserem Leben friedvoll zu begegnen.

**Dieser Artikel ist der erste Teil einer Trilogie zum Thema Herausforderungen.

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